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Ich lerne Seitenwagenfahren
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Den Seitenwagen fertig an der Guzzi angebaut und in der Werkstatt als rollfähig eingestuft, hielt mich natürlich nichts mehr davon ab „es kurz“ einmal auf der Strasse in meinem Quartier „laufen“ zu lassen. Im Vorfeld habe ich Wochenlang alles über die Physik des Seitenwagen Fahrens in Büchern und im Internet gelesen, aber nichts widerlegt theoretisches Wissen mehr als die Realität. Nun wurde also das Gespann das erste Mal aus der Garage auf den Vorplatz gestossen. Das „rumstossen“ des Gespann’s gelingt mir schon recht gut, denn während des Umbaus in der Werkstatt habe ich stossend schon einige Meter zurückgelegt. Auch das richtige aufsteigen habe ich in der Werkstatt bereits einige Male geübt. Man steigt auf ein Gespann nicht wie auf eine Solo Maschine, sondern linker Fuss zuerst auf das linke Trittbrett, kann ja nicht umkippen. Da stand sie nun auf dem Vorplatz, sauber ausgerichtet auf die Ausfahrt zur Strasse. Endlich eine Zigarettenpause! Nun war es soweit. Das ganze läuft zwar ein wenig nach dem Motto "du springst jetzt mal ins Wasser, und dann schauen wir ob du schwimmen kannst". Noch einmal kurz durchatmen - der Motor läuft - der erste Gang ist eingelegt, gaaaaaanz vorsichtig einkuppeln, juchhuuu, ich bewege mich! Aber, Ooops, das „Ding“ lief nicht geradeaus, sondern zog beim Gasgeben nach rechts. Breeeemsen. Der Motor wurde nach dieser kleinen Schrecksekunde abgestellt und das Gespann wieder zurückgeschoben. Endlich eine Zigarettenpause! Der zweite Anlauf gelang gar nicht schlecht, denn ich weiss nun, dass ich gegenlenken muss beim anfahren. Ist ja gar nicht schwer, dachte ich mir so auf der geraden Strasse. Es schlingerte zwar wie verrückt, aber ich legte mutig den 2. Gang ein und raste mit ca. 10 km/h durch mein Wohnquartier. Nun wurde die erste leichte Rechtskurve mit wahnsinnigen ca. 10 km/h angepeilt. Hiiiiilfe, was ist das? Ich hatte das Gefühl, mitsamt dem Gespann nach links umzukippen und schon ging es aber wieder gerade aus Phuuuu. Jetzt eine Zigarettenpause, aber wenn es schon einmal rollt lies ich es halt rollen. Dieses entspannte geradeaus fahren endete plötzlich an einer Stoppstrasse. Bremsen…. Schei…, wieso bremst das Gespann nicht ? Aha, Gespann gleich auch Fussbremse. Gummi radierte über den Asphalt, ich stand wieder Phuuuu ! An der Stoppstrasse blieben BEIDE Füsse auf den Trittbrettern. Geil, auch so kann man eine kurze Zigarettenpause einlegen! Anfahren ging nun schon viel besser und schon nahte die erste Linkskurve. Heeee, das geht ja ganz einfach, super, ich fahre nur noch Linkskurven. So diese Erfahrungen genügten als erste Probe. Ich wusste nun dass der Seitenwagen richtig angebaut ist und nicht einfach auseinander fällt. Zurück in die Werkstatt. Endlich eine Zigarettenpause! Ich war gar nie nervös, oder doch? |
Juhu Ferien. Das Gespann ist mittlerweile angemeldet für die technische Prüfung und somit darf ich nun offiziell am Strassenverkehr teilnehmen. Endlich grosse breite Strassen, es geht viel nur geradeaus. Wau, ich bin der King of the Road. Bollernd bahnt sich das Guzzigespann mit gewagten 30 bis 40 km/h seinen Weg. Leichte Kurven, die ich mit meinen Solos praktisch nie wahrnahm, sind plötzlich ernsthafte Herausforderungen, das dritte Rad zerrt in den Kurven sehr bemerkbar. Einhändiges Fahren und selbst das Heben der Grusshand hebe ich mir auch mal besser für später auf... Aber es ist Geil, Geil, Geil. So geht es als rollendes Verkehrshindernis durch ländliche Gegenden. Es war ja eigentlich nur eine Zeitfrage bis ich auf den ersten Kreisel treffe würde, ist sicher nicht schwieriger wie eine im 90° abzweigende Strasse, warum also nicht? Also wurde todesmutig mit vielleicht 15 km/h der Kreisel angepeilt und zuerst leicht nach rechts, dann lange nach links und wieder leicht nach rechts gesteuert. Jetzt aber eine Zigarettenpause! Gerade als routinierter Solofahrer muss man umdenken, da sich Lenkimpulse beim Gespann genau andersherum auswirken als gewohnt. Ausserhalb der Ortschaften kletterte die Tachonadel, solange es geradeaus ging, teilweise über die 50 km/h. Dieser Geschwindigkeitsrausch war aber schnell vorbei. Meine Konzentration liess irgendwie immer mehr nach, ich wünschte mir schon wieder eine Pause (normalerweise verteilen sich so viele Pausen auf eine Strecke von 500 km).
Nach Abschluss jeder Ausfahrt gab es in der Werkstatt immer wieder Arbeit in Form von Fahrwerkeinstellungen ändern, oder neue auszuprobieren. Erstaunlich was ein wenig mehr oder weniger Luft im Pneu, oder ein- zwei Grad Vor- oder Nachlauf ändern alles ausmacht. |
Nach einigen Tagen fühlte ich mich schon recht vertraut mit meinem neuen Gerät. Es folgten Überholvorgänge ohne grössere Adrenalinstösse. Auf Landstrassen konnte ich mitschwimmen, ohne ein Verkehrshindernis zu sein. Vor Kurven wurde das Tempo nur noch leicht reduziert! Immerhin hielt ich nicht mehr viele auf und keiner kroch mir mehr in den Auspuff. Zurück zur Theorie. Da ich ja im Vorfeld meines Seitenwagenbaus vieles über die Fahrdynamik eines Gespanns gelesen hatte, galt es nun diese Thesen auch in der Praxis zu erleben. Dazu montierte ich als erstes vorne unter dem Seitenwagen ein Holzklotz. Auch unter dem Motorrad wurde quer zur Fahrrichtung ein starker Balken wie ein Ausleger nach links angebracht. So ausstaffiert gibt es garantiert keine Fotos von uns beiden. Auf einem grossen leeren Industriegelände konnte ich an einem Wochenende so ausgerüstet relativ gefahrlos alle extremen Fahrzustände ausprobieren. Kreise, Achter, Slalom, Ausweichübungen, alles bis zum abheben eines Rades. Ich kam zwar wieder ganz schön ins Schwitzen, aber es war kein Vergleich mehr mit den ersten Fahrübungen auf dem Gespann. Es machte viel mehr Spass. Da der Platz gross genug war, hatte ich auch keine Hemmungen mich bei Bremsübungen bis zur Blockier- und Rutschgrenze vorzutasten. So fand ich heraus, dass ich meine Bremsanlage bisher nur zu einem Bruchteil genutzt habe. Es kostete Anfangs eine grosse Überwindung das Vorderrad zum Blockieren zu bringen (es ist doch eigentlich aber immer noch ein Motorrad, oder?).
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